Polesien als Interventionslandschaft

Die Natur- und Geschichtslandschaft Polesien [p. Polesie, ukr. Polissja, wr. Palesse, ru. Poles’e, „Waldland“, „Land am Wald“] ist eine der letzten großen Auwald- und Sumpflandschaften Europas im Grenzgebiet der Belarus und der Ukraine. Im 20. Jahrhundert fanden hier gewaltige Transformationen von Landschaft und Lebenswelten statt. Interventionen erfolgten durch Raumplanung und -nutzung, durch Herrschaftsausübung und die Einführung neuer Technologien. Polesien war Schauplatz von zwei Weltkriegen, von Genoziden, von umfassenden Zentralisierungs- und Modernisierungskampagnen der jeweils herrschenden Mächte. Seit den 1930er Jahren wurden hier immer wieder Versuche unternommen, die Sümpfe entlang des Flusses Prypjat trockenzulegen. Seit den 1970er Jahren begann die Sowjetunion, den ukrainischen Teil Polesiens in eine Energielandschaft umzuwandeln und errichtete drei große Kernkraftwerke mit der dazugehörigen Infrastruktur. Eines davon, Tschernobyl, ist 1986 zum globalen Symbol der modernen transnationalen „Risikogesellschaft“ und der Bedrohung durch „Risikotechnologien“ geworden.

Die Veranstalter wollen während der Sommerschule gemeinsam mit den Teilnehmenden und Experten aus Belarus und der Ukraine die (Natur-)Landschaft Polesiens als dynamischen ökologischen, politischen, soziokulturellen und wirtschaftlichen Raum erkunden. Das Alltagsleben rückt dabei ebenso in den Fokus wie das Verhältnis von Staat, Bevölkerung, Natur und Technik. Die Interaktionen von Landschaft und Räumlichkeit einerseits und historischen Akteuren andererseits sollen an drei Orten beispielhaft erforscht werden: Pinsk im belarussischen und Warasch/Kusnezowsk im ukrainischen Teil Polesiens, sowie Kiew.

Die Sommerschule bietet Vorträge, Exkursionen und praktisch ausgerichtete Seminare. Die Teilnehmenden erhalten vor Antritt der Reise einen umfassenden Reader mit einschlägiger Literatur zu den behandelten Themenschwerpunkten. Die Veranstaltung besteht aus vier thematischen Modulen, bei denen jeweils unterschiedliche Fragestellungen, Methoden der Wissensvermittlung und methodische Arbeitstechniken in vergleichender Perspektive zum Einsatz kommen.

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